Outlaws Dresden

24.01.2016
Lausitzer Füchse - Dresdner Eislöwen
2:5 (1:0,1:4,0:1)
Zuschauer: 2.469 (ca. 250 Dresdner)

(Pumuckl) Das ging ja fix. Fast genau zwei Wochen, nachdem für manch fuchsbeschwanzten Zeitgenossen der Sinn des eigenen Lebens in einem einzigen Spiel unter freiem Himmel kumulierte, stand man sich schon wieder gegenüber, diesmal unter strahlend grauem Blechdach, etwas grenznäher und abseits der großen Medienbühne. Auf der einen Seite die einfach königlichen Erfinder des Eishockey-Fandaseins, die regelmäßig ganz Deutschland mit Spitzenchoreografien und ausgefeilten Doppelhalter-Motiven beeindrucken, der blau-gelbe Jugend-Mob, dessen innovatives Liedgut so noch nie von den Heimfans im Fußballstadion einer ostdeutschen Landeshauptstadt intoniert wurde, der Rekordmeister, der auf eine wahrlich sagenhafte Historie von drölfzig ersten und zweiten Plätzen in der überaus konkurrenzbetonten DDR-Oberliga zurückblicken kann. Und auf der anderen Seite: Die Schande von Dresden. Die BAföG- und Kindergeldmillionäre, die es noch nicht mal schaffen, ein paar Tausend Leutchen aus der ganzen Republik in einem fremden Stehplatzblock zu animieren und dafür Ansagen von Ultras Dynamo kassieren. Die sich lieber für ihren gesamten Verein engagieren, statt auf Teufel komm raus alle Ressourcen auf die erste Mannschaft zu konzentrieren. Die an einem Samstagabend Anfang Januar gleich zwei Mal Gefickten. Wir.

Eieiei. Was für ein Einstieg. Eigentlich müsste ja jetzt der übliche Schmonz von wegen Anreise, Marsch zum Stadion, Stimmungsbewertung und so kommen. Der Leser möchte mir aber gestatten, dass ich heute - mal mehr als sonst - den arroganten Dresdner heraushängen lasse. Denn viel lieber genieße ich die Nachwehen des Lachanfalls, welcher mich bereits im Bus auf der Rückfahrt vom 5:2-Auswärtssieg im Fuchsbau überkam. Die Situation ist ja auch trollig. Da denken die Luftpumpen um Block D, Collabo oder wie sie auch heißen mögen, dass sie es Dresden mit ihrem Auftritt beim Winterderby doch mal so richtig gezeigt haben. Halten sich für die Größten, weil sie in einer Turnhalle ein paar Meter Stoff zu einer Blockfahne vernäht, mit ein bisschen Farbe verziert und es fast geschafft haben, diese fehlerfrei im Gästeblock des Rudolf-Harbig-Stadions hochzuziehen. Laufen in Anbetracht einiger erfolgreicher Dynamo-Rufe 14 Tage lang mit erigiertem und/oder feuchten Geschlechtsteilen herum und ejakulieren ihren Hochmut auch noch in eine 8-seitige (!) Sonderausgabe ihres Fanszene-Schmierblattes. Man kann sich die Hoffnung in ihren vom Wüstensand rot unterlaufenen Augen fast vorstellen: Ja! Die alten Zeiten leben wieder auf! Ab jetzt wird alles besser! Uns kann keiner stoppen! Wir sind an den Herausforderungen gewachsen, der Weg zur Perfektion ist nicht mehr weit!

Aber dann ist plötzlich Sonntag, der 24.01.2016, 17:00 Uhr. Der Schuppen im Plattenbaugebiet ist mit 2.469 Zuschauern nicht annähernd ausverkauft. Pünktlich geht's auch nicht los, da die Verantwortlichen in Weißwasser schon mit der Organisation eines normalen Heimspiels (sprich: einer funktionierenden Eismaschine) überfordert sind. Aus Dresden kommen gerade mal 250 Eislöwen-Fans (geht besser, keine Frage), die eine simple Auswärtschoreo in Form von blau-weißen Folienschals sowie dem Spruchband "Des Kaisers neue Kleider" (Was das wohl bedeutet? Ihr dürft noch eine Weile raten!) dabei haben und so bereits zu Spielbeginn mehr Kreativität beweisen, als man selbst mit den paar Comic-Doppelhaltern und Schwenkern im eigenen Block. Und dann singen die auch noch! Die singen! Bei einem ganz normalen Eishockeyspiel! Und nicht nur Dynamo, Dynamo (oder besser: ESC, ESC). Nein, so richtige Lieder, mit Melodie und Text und so. Keine 6.000 Touristen, inklusive "3 Busse allein mit Szeneleuten und Umfeld, was sehr beachtlich ist" (xD). 250 Leute, die einfach Bock haben, ihre Mannschaft zu unterstützen und ihre Farben würdig zu präsentieren. Ganz ohne Druck, ohne Event-Brimborium und TV-Präsenz. Dass das überhaupt möglich ist! Man selbst dagegen steht nur da - und glotzt. Kriegt kaum einen lauten Gesang hin. Versucht sich an erhobenen Armen, bei denen nicht mal die direkt um einen stehenden mitmachen. Sieht zu, wie zu Beginn des zweiten Drittels im Gästeblock ein Spruchband gezeigt wird. Liest die Worte, die die Wahrheit nicht besser treffen könnten: "Winterderby: Für uns von vielen Spielen eins. Für euch das Highlight eures Seins! Eventszene WSW!". Und man hat an diesem Sonntagabend im Januar - wie so oft - nichts dabei, um zu kontern. Nichts vorbereitet, um den Fall vom durch eigenes Wunschdenken erschaffenen Sockel wenigstens etwas abzufedern. Nichts, was die geschürten Erwartungen auch nur im Entferntesten erfüllen könnte. Nichts, um die großmäuligen Sprüche und Ankündigungen vor sich selbst und seiner Fanszene zu rechtfertigen.

In dem Moment wird man sich bewusst: Das alte Gefühl der Minderwertigkeit im Vergleich zur Landeshauptstadt, der Geschmack der Niederlage gegen Dresden, gegen dieses beschissene, von Fluthilfe- und Steuergeldern alimentierte DrezNO - auf dem Eis und auf den Rängen - es schmerzt. Und es war niemals weg. Nur vergraben. Bedeckt vom selbsttrügerischen Eindruck eines vermeintlichen Stimmungssieges bei einem einmaligen Event. Hervorgerissen in die harte Realität des Ligaalltags. Macht die Augen zu und träumt euren feuchten Traum vom 09.01.2016, liebe Füchslein. Wir wecken euch wieder auf. An jedem verdammten Spieltag!

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