Outlaws Dresden

09.01.2016
Dresdner Eislöwen - Lausitzer Füchse
4:3 (1:0,1:1,1:2) n.V.
Zuschauer: 31.853 (ca. 5000 Gäste)

(Pumuckl) Als in der Sommerpause die ersten Gerüchte aufkamen, dass die BG der Dresdner Eislöwen und die DEL2 ein Winter-Game im Rudolf-Harbig-Stadion planen, sahen die Protagonisten der aktiven Fanszene in Dresden dem Ereignis mit gemischten Gefühlen entgegen. Eishockey im Fußballstadion - einigen schon durch Besuche in Gelsenkirchen, Düsseldorf und Nürnberg bekannt - hat gewiss eine große Faszination. Bundesweite Aufmerksamkeit, viele Besucher, Werbung für das deutsche und insbesondere sächsische Eishockey. Nahezu jeder, dessen Herz für unseren Sport schlägt, kann erst einmal nicht viel gegen die Vorzüge eines solchen Ereignisses haben. Bedenken hinsichtlich der Durchführbarkeit gab es nur wenige. Die bisherigen Freiluftspiele waren schon immer Zuschauermagneten und man war sich sicher, dass die Organisatoren alles geben würden, um das Event auch zu einem finanziellen Erfolg zu machen.
Schaut man nun auf den vergangenen Samstag zurück, so kann man den Verantwortlichen und Helfern nur gratulieren. Knapp 32.000 Zuschauer im Stadion und mehrere hunderttausend an den Fernsehgeräten haben einem makellosen Unterhaltungs-Event beigewohnt, welches unter großem Einsatz und im eng verzahnten Zusammenspiel vieler Stellen 1A organisiert, professionell vorbereitet und reibungslos durchgeführt wurde. Mag man bei der Auswahl der Musik-Acts vielleicht geteilter Meinung sein, ob seichter Pop oder aggressive Party-Mucke die passenden Genres für den Eishockey-Sport sind - die Massen waren zufrieden, haben mitgesungen und -geklatscht und hatten eine gute Zeit. Sei es die begleitende Medienkampagne, die Bewältigung der logistischen Herausforderungen oder die Organisation der beeindruckenden Laser- und Pyroshow in den Drittelpausen und nach dem Spiel - das, liebe Eislöwen war ein Glanzstück, was hier abgeliefert wurde. Und das meine ich - man mag es kaum glauben - ehrlich und ausdrücklich ohne Ironie. Chapeau!

Doch was bedeutete das Event-Game für die aktive Fanszene? Was waren die Auswirkungen auf die (meist jungen) Leute, für die Eishockey nicht ein Element im wöchentlichen Unterhaltungskanon neben Kinobesuch und Großraumdisko ist, sondern die sich mit viel Anstrengung über Jahre hinweg einen kreativen Freiraum erarbeitet und erhalten haben, aus dem heraus sowohl Stammverein als auch Profi-Mannschaft bestmöglich unterstützt werden - sei es durch aktive Vereinsarbeit, Organisation von Auswärtsfahrten, Fangesänge oder regelmäßige optische Aktionen, die nicht nur in der DEL2 qualitativ ganz vorn mitspielen und andere Fanszenen regelmäßig in den Schatten stellen? Diese Leute - uns - stellte das Winterderby vor die grundlegende Entscheidung, ob und wie man selbst dieses Event angehen und gestalten wollen würde.
Keine Frage, die einfachste und plakativste Lösung wäre ein Boykott gewesen, garniert mit dem sinnfreien Dorfultra-Spruch "Gegen das moderne Eishockey". Dazu sehen wir die Dinge aber viel zu realistisch. Eishockey ist manchmal eben doch ein Event, sonst könnte unser geliebter Sport schon längst nicht mehr finanziell überleben. Aber sollten wir uns wirklich anmaßen, den 9.000 Menschen fassenden K-Block im Rudolf-Harbig-Stadion stimmungstechnisch und optisch zu dirigieren? Einen Stehplatzblock, den selbst Ultras Dynamo nur noch in seltenen Momenten zur vollen Ektase bringen kann? Eine Wand, zu deren optischen Präsentation mithilfe von Choreos beim Fußball regelmäßig motivierte Jugendliche in dreistelliger Anzahl nötig sind und an deren Qualität selbst gestandene Fußballszenen oft bei weitem nicht heranreichen? Was wäre der Preis? Sollten wir alle unsere finanziellen und kreativen Kapazitäten auf dieses eine Spiel ausrichten, den Rest der Saison leb- und lieblos gestalten, um am Ende doch nur eine "nette" Blockfahne über die Köpfe tausender Unbeteiligter zu ziehen, die letztlich sowieso mit Aktionen der viel größeren Dynamo-Fanszene verglichen werden würde und da zwangsläufig nur verlieren könnte? Um es kurz zu machen: Wir haben uns bewusst dagegen entschieden. Bewusst gegen eine schlechte Kopie anspruchsvoller Dynamo-Choreografien. Bewusst gegen eine Möchtegern-Imitation der lokalen Fußballszene, die über Leute und Mittel verfügt, von denen wir in der heimischen Eishalle nur träumen können. Wir haben uns für unsere eigenen Ansprüche und Werte entschieden und gegen das aussichtslose Aufreiben an einem einmaligen Ereignis. Nennt es Kapitulation, wir nennen es Realismus und die für uns nach sorgfältiger Abwägung aller Argumente einzig tragbare Entscheidung. Mit dem gewählten Weg können wir gut leben. Und das ist das einzige, was zählt.

An alle Nörgler und Pöbler da draußen:
Solange bei normalen Spielen Choreografien regelmäßig von manchmal nur vier oder fünf engagierten Leuten vorbereitet werden und sich auf Aufrufe zur Unterstützung bei Bastelarbeiten NICHT EINE EINZIGE PERSON zusätzlich meldet, solange habt ihr absolut kein Anspruchsdenken hinsichtlich irgendwelcher Aktionen anzumelden. Wir wissen, was wir können. Und was wir können, können wir gut. Ob und wann wir eine Choreo durchführen, ist allein unsere Sache und schon gar nicht irgendwelchen externen Zwängen geschuldet. Es gibt eine simple Regel: Wer da ist, kann mitentscheiden. Die anderen können sich freuen - oder die Schnauze halten.
Solange bei normalen Spielen oft nur Totentanz herrscht und sich die wenigen um Stimmung bemühten Leute teilweise massiven Anfeindungen wegen vermeintlich falschem Liedgut, Fahneneinsatz im Stimmungsblock (!) oder anderen persönlichen Befindlichkeiten ausgesetzt sehen, solange wird bei einem Event-Game niemand für euch den Hampelmann auf dem Vorsängerpodest einer dominierenden Fußballszene geben. Geplant war, im oberen Drittel des K3 einen Stimmungskern zu stellen, zu dem nur Eislöwen-Fans Zutritt haben sollten. Die eigentlich geplante Abgrenzung des Bereichs konnte am Spieltag leider aus diversen Gründen nicht gewährleistet werden, sodass selbst in dieser Zone Eishockey- und Eventfans aus dem ganzen Bundesgebiet standen und an koordinierten Support nicht zu denken war. Aber das ist nur ein Teil des Problems. Viel gravierender ist, dass im Vorfeld des Winterderbys zum Abstimmungstreffen mit den Fanclubs, welches unter anderem das Thema "Stimmung im Dynamo-Stadion" zum Inhalt hatte, lediglich ein Bruchteil der Angesprochenen anwesend war. Ist es Ignoranz? Desinteresse? Kann ja sein, aber dann bitte auch hier ganz schnell das Anspruchsdenken nach unten schrauben!

Und schließlich noch an unsere östlichen Nachbarn:
Glückwunsch zur zweifarbigen Blockfahne, deren Präsentation beim zweiten Anlauf ja fast geklappt hätte. Vorbildlich auch, dass ihr in vorauseilendem Gehorsam eure Namen auf Listen habt schreiben lassen, um Megafone, Schwenkfahnen und Spruchbänder mit in den Gästeblock zu bekommen. Die Anti-DrezNO-Fahne hat's dann wohl doch nicht mit hineingeschafft, oder ist sie beim Pyro-Posing am Tag zuvor in Mitleidenschaft gezogen worden? Aber egal, das Event ist vorbei und ihr hattet euer Highlight. Nun folgt die Tristesse und für die große Bühne müsst ihr ab jetzt wieder mit Cottbus auswärts fahren. Ahoi!

Bilder

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Fotos
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Auswärtsfahrten
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Gesangbuch (6. Auflage)
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Kurvenflyer "Schulldchnsä!"
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Infos für Gästefans