Outlaws Dresden

28.12.2014
Löwen Frankfurt - Dresdner Eislöwen
4:2 (1:1, 2:0, 1:1)
Zuschauer: 5.656 (ca. 800 Dresdner)


Wir fahren nach Frankfurt, oder? - Main!

(Pumuckl) Zwischen Weihnachten und Neujahr ist traditionell Sonderzugzeit bei den Eislöwen. Was vor zehn Jahren mit einem kollektiven Besäufnis in Richtung Straubing begann, sollte sich dieses Jahr zum neunten Mal wiederholen. Für viele Fans ist es das Highlight der Saison, sieht man doch endlich mal eine andere Eishalle als immer nur Dresden, Crimmitschau und Weißwasser und kann sich in der blau-weißen Masse dem rollenden Mallorca-Feeling hingeben. Für mich persönlich ist das nichts. Wenn ich versiffte Toiletten, schlecht gekleidete Betrunkene und unverständliche Aussprache haben will, fahre ich lieber zum unterklassigen Fußball in die tschechische Provinz (Cesky do toho!), als mich für unendliche Stunden auf engstem Raum ohne Fluchtmöglichkeit in Schweizer Bahnwaggons sperren zu lassen. Aber hey, auch das ist - und sogar in der überwiegenden Mehrheit - Dresdner Eishockey, und selbst ich als latenter Misanthrop erkenne es als beachtliche Leistung an, regelmäßig solch eine Unternehmung erfolgreich durchzuziehen.

Nun ist Spaß ja eine sehr individuelle Angelegenheit und man kann ihn zum Glück nicht verordnen. Da auch einige andere Leute keine Lust auf oder keine Zeit bzw. körperliche Kondition für den Schienenweg hatten, fand sich angenehmer Weise eine 9er-Besatzung zusammen, so dass auch ohne nervige Begleitumstände die Fahrt nach Frankfurt angetreten werden konnte. Trotz der auf 11:30 Uhr anberaumten Abfahrtszeit schwang ich mich noch bei tiefster Dunkelheit aus dem Bett, um Germany's next Top-Handballtorwart zum Zug zu schaffen, dabei gleich einen ordentlichen Frühschoppen zu veranstalten und mit der mir innewohnenden Überheblichkeit das bunte Treiben zu beobachten. Nach und nach füllte sich der Hauptbahnhof mit blau-weißem Fanvolk und es entwickelte sich eine familiär bis karnevalistisch geprägte Atmosphäre mit einem bunten Querschnitt durch die Dresdner Eishockeyfanszene. Machte schon einen sympathischen Eindruck. Irgendwie. Kurz vor Abfahrt begaben sich alle geordnet und nahezu geräuschlos zum Bahnsteig. Wären nicht so viele Leute in Blau-Weiß unterwegs gewesen, Helgas Reisegruppe in der Bahnhofshalle hätte sicherlich nicht einmal mitbekommen, dass hier ein Sportverein zum Auswärtsspiel aufbricht. Für mich sprang zum Glück noch das erste gezapfte Bier des Sonderzugs heraus, welches mir Christian stilecht aus dem Fenster des Partywagens servierte. Danke dafür.

Noch kurz den Dahinfahrenden zugewinkt, machte ich mich flinken Schrittes auf den Weg zur heimischen Eishalle. Beim Knabenturnier - auch das mittlerweile eine Dresdner Eishockeytradition - war leider gerade Eiserneuerung, so dass es direkt in den Keller ging. Die Zeit bis zur Abfahrt wurde mit dringend nötiger Nahrungsaufnahme verbracht. Nach und nach trudelten die restlichen Mitfahrer ein und auch Erna P. erreichte mit unserem Reisegefährt fast pünktlich den Treffpunkt. Die Fahrt verlief zumindest im Fahrzeuginneren sehr flüssig, auch wenn ich als Endzwanziger den Altersdurchschnitt auf der Rückbank deutlich in die Höhe trieb. Auf der Straße ging hingegen nicht viel (höhö, wie immer bei Dresden) und so sorgten längere Phasen stop-and-go dafür, dass sich die vom Navi berechnete Ankunftszeit kontinuierlich nach hinten schob und ein ohnehin schon gehandicapter Mitfahrer aufgrund mangelnder Flüssigkeitsabfuhr zunehmend zu einem winselnden Etwas degenerierte. Per Facebook und Whatsapp gingen die Meldungen von der recht zeitigen Ankunft des Sonderzugs ein, wir hingegen erreichten erst knapp 15 Minuten vor Anpfiff den Parkplatz vor der Frankfurter Eissporthalle, der unnötiger Weise noch von einem Zirkus stark verkleinert wurde. Aber so ist das Leben - und wir lieben es! Aufgrund uns bereits gemeldeter Platzknappheit in den Gästeblöcken wurde auf die Mitnahme der eingepackten mehreren hundert Folienfähnchen verzichtet und sogleich der Eingang "gestürmt". Die ortsansässige Security ließ sich trotz des näher rückenden Anpfiffs natürlich nicht von der peniblen Zaunfahnenkontrolle abhalten, was weitere wertvolle Minuten kostete.

Zum Anpfiff stand man dann aber doch irgendwie sardinenartig im Gästeblock und erlebte das ewig andauernde Einlaufbrimborium der Frankfurter Löwen. Recht motiviert startete der blau-weiße Anhang ins Spiel und sorgte im ersten Drittel trotz Megafonverbots mit ordentlicher Lautstärke für angenehme Auswärtsatmosphäre. Daran nicht ganz unschuldig war sicherlich auch der 1:0-Führungstreffer durch Artus Kruminsch in der vierten Spielminute, der tatsächlich etwas Hoffnung auf einen Sonderzugdreier verbreitete. Letztlich egalisierte Frankfurt etwa fünf Minuten vor Drittelende diesen Vorsprung, was für Ernüchterung beim Gästeanhang sorgte. Wegen Enge, Hitze und Ausdünstungen diverser umherstehender Personen wurde die weitere Spielzeit im Umlauf schräg vor dem Gästeblock verbracht, wo man sich auf Eishockeygucken, Fotografier-Tipps geben und Teetrinken beschränkte. Von hier aus erlebte man auch den weiteren Abbau des Gäste-Supports, der nur noch leise und wenig emotional herüber kam, aber dennoch die paar Standard-Anfeuerungsrufe der Frankfurter übertönen konnte. Immer wieder verwunderlich, wie es mehrere tausend Eishockeyfans in der Hessenmetropole schaffen, so laut vor sich hinzuschweigen. War ja beim ersten Spiel dort und auch vor einigen Wochen bei ihrem Gastauftritt in Dresden nicht anders.
Auf dem Eis sah es auch wenig erbaulich aus, die Eislöwen gerieten im zweiten Drittel mit 3:1 ins Hintertreffen und bestachen nur noch durch unkoordinierte Fehlpässe und wenig Laufbereitschaft.
Im dritten Drittel besserten sich Stimmung und Spiel ein wenig. Der 3:2-Anschlusstreffer kurz vor Schluss ist jedoch nur Makulatur, wenn man den Puck bei herausgenommenem Torwart schon an der eigenen blauen Linie stümperhaft wieder verliert und im Gegenzug den Knock Out ins leere Tor bekommt.

Unsereins war bedient, die Sonderzugmeute schrieb das Wort Spaß aber heute besonders groß und feierte die Mannschaft mit Party-Dauergesang noch bis weit nach Spielende. Diese musste dann nach ihrem Abgang sichtlich unwillig und bedröppelt noch einmal auf's Eis, immerhin soll der Zugreisende für 70 Euro Fahrpreis etwas geboten bekommen. Wenigstens die Rückfahrt im eigenen Waggon wurde sinnvoller Weise abgesagt. Die Rückfahrt der 9er-Besatzung ging im Gegensatz zur Hinfahrt recht schnell von statten und dank hervorragender Chauffeurisierung der beiden Fahrerinnen erreichten wir recht problemlos gegen 2:00 Uhr in der Früh unsere geliebte Heimatstadt. Die gut fünfeinhalb Stunden später eintreffende Nachricht eines Sonderzugmitfahrenden, jetzt endlich daheim zu sein, wurde mit einem Lächeln zur Kenntnis genommen und sich mit Blick auf ein herrliches Schneetreiben vor dem Fenster noch einmal gemütlich umgedreht und weitergegrunzt.

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Sonderzug IX - Raubzug durch Mainhatten

(Gastschreiber Bademeister) Montagmorgen, kurz nach 1 Uhr. Ich steh im Partywagen 2 des Eislöwen-Sonderzuges und zieh mir gemütlich eine Bocki mit Senf rein. Das dazugehörige Weißbrot schmeckt so, als ob es noch vom letzten Jahr übrig ist, aber der Hunger treibt's rein. Der Typ vor mir ist so besoffen, dass er nicht merkt, wie sein Bier durch Nichtgeradehalten des Bechers kontinuierlich verloren geht. Er guckt durch mich durch und sieht zwar, wie fast alle mittlerweile, ordentlich fertig aus mit vieh'schen Augenringen, aber trotzdem rundum zufrieden. Der Fußboden klebt vom Bier, der Rauch brennt in den Augen und die Stimmung ist am Siedepunkt. In teilweise markerschütternder Lautstärke grölt die dichtgedrängte Masse "Geh mal Bier holen", "Jan Pillemann Otze" und natürlich "Wir sind solo!". Dass alle drei Songs von Mickie Krause sind, liegt daran, dass "DJ Nordkurve" eingeschlafen ist und die Musik irgendwie alphabetisch runterläuft. So kommt es, dass später gleich mehrere Songs der Backstreet Boys und von Britney Spears zu hören sind. Zwar ganz witzig, aber für uns der Zeitpunkt, mal die Stimmung im Partywagen 1 zu checken. Hier feiert die Generation unserer Eltern zu den Hits ihrer Jugend, gespielt von "DJ" Vaddi. Es ist nicht ganz so voll und exzessiv wie nebenan, aber die feine DDR-Mugge sorgt ebenso für klasse Stimmung und zu Songs wie "Zeit, die nie vergeht", "Jugendliebe" oder "Am Fenster" lässt es sich bestimmt schön in Erinnerungen schwelgen.

Beim Sonderzug ist es egal, wie alt man ist. Im Kreise einer großen Familie lässt man die Sorgen und Probleme des Alltags zurück und für 24 Stunden regiert the spirit of the youth - ungezähmte Party und der blanke Spaß. Manche mögen es für primitiv halten, aber für dieses Glück nehme ich gerne Schlafmangel, stinkende Klamotten, ekelhafte Toiletten und laute Zeitgenossen auf den Gängen in Kauf. Das Gemeinschaftserlebnis "Sonderzug" schweißt die Fanszene mehr zusammen als es hunderte Gesprächsrunden in der Auszeit je könnten. Ganz nebenbei reitet man jährlich mit hunderten Fans geschlossen in einer anderen Stadt ein und kann unsere Löwen - die einzig wahren auf der Eishockey-Landkarte - überaus zahlreich unterstützen. Im zehnten Jahr rollte nun der neunte Zug und mit mehr als 600 Leuten wurde gleich mal ein Teilnehmerrekord aufgestellt. Bei allen Schwächen und Problemen, die unsere Fanszene hat: DAS macht uns in Deutschland keiner nach und auf diese Tradition können wir stolz sein!

Aufgrund der hohen Teilnehmerzahl wurde in FFM Ost überraschend festgestellt, dass der Zug zu lang für den Bahnsteig ist. Einige Passagiere der letzten Waggons stiegen im Gleisbett aus, statt innerhalb des Zuges nach vorn zu laufen, als plötzlich ein ICE auf dem Nachbargleis vorbeidonnerte ... Also der Adrenalinspiegel stimmt schon mal! Der Marsch zur Halle erfolgte etwas unkoordiniert, aber immerhin scherbelte es bei zwei Zwischenstopps mit Klatscheinlage und Uffta! schön. An der Halle erfuhr man erstaunt vom Megafonverbot, wurde einem doch vom Fanrat mündlich eine Ausnahmegenehmigung erteilt. Einige Telefonate später gesellte sich ein Frankfurter Offizieller zu uns, welcher uns bescheinigte, die Megafon-Genehmigung würde nur für die Strecke Bahnhof - Stadion und zurück gelten(!). Aha. Dann gibt's ja hier sicher Unmengen an Schließfächern, wo nicht autorisiertes Tifo-Material hinterlegt werden kann. Nein, aber die Polizei passt während des Spiels gerne drauf auf ... Als der zuständige Bulle dann noch anfing, dumm über den Soli-Zuschlag rum zu quatschen, war eigentlich die Zeit für eine Straßenschlacht im Vorort von Nauheim gekommen, aber man beschloss, seine Wut in die Stimme zu legen und die Frankfurter in der eigenen Halle schön an die Wand zu singen.

In den ersten zehn Minuten klappte das auch wunderbar und die Kunden durften sich so einige demütigende Dinge anhören - die Führung für unsere Löwen tat ihr Übriges hierzu.
Doch leider flachte die Stimmung im Gästeblock relativ schnell ab, warum ist nicht so richtig nachzuvollziehen. Die Akustik war sensationell im Block und die beiden Vorsänger hatten die Masse auch ohne Megafon gut im Griff. FFM wurde noch im ersten Drittel bedeutend stärker und erzielte den verdienten Ausgleich. Im zweiten Drittel musste man dann als Eislöwen-Fan das Schlimmste befürchten, denn das spielerische Niveau unserer Löwen näherte sich wieder dem Spiel gegen WSW. Einsatz war zwar da, aber technisch war es eine Katastrophe:
Einfachste Pässe können nicht unter Kontrolle gebracht werden oder sie kommen erst gar nicht an, null Kreativität im Sturm, ein grottiges Powerplay und ein Kevin Nastiuk, der momentan einfach neben sich steht. Dementsprechend erhöhten die unechten Löwen auf 3:1 und alle befürchteten eine ähnliche Klatsche wie vor zwei Tagen.
Erfreulicherweise besserte sich das Spiel im letzten Drittel doch erheblich (vielleicht sollte man in der Drittelpause immer Striesen und nicht Herrn Popiesch zur Mannschaft sprechen lassen!) und mit viel Leidenschaft und Kampf kam man sogar noch zum Anschluss. Mehr war dann aber nicht drin, was sicher auch an der dünnen Personaldecke derzeit liegt. Trotzdem wurde die Mannschaft in den letzten Minuten wieder phänomenal unterstützt und auch nach dem Spiel feierte man sich und die Mannschaft ausgiebig weiter, während die Frankfurter augenreibend die Halle bereits verließen.

Kurz ein paar Worte zum Frankfurter Publikum: Masse ist auf jeden Fall da, fast 5000 Heimfans sind schon ´ne Hausnummer, aber die Qualität ist dann doch recht ernüchternd. Es gibt sicher schlechtere Kurven und zwei-, dreimal wurde es ja etwas lauter, aber im Großen und Ganzen bestätigte sich der Eindruck der ersten beiden Spiele. Positiv anzumerken ist, dass keine pöbelnden, halbstarken Möchtegernultras anzutreffen sind und das ist ja gerade auch bezüglich unserer Sympathie zu Bad Nauheim alles andere als selbstverständlich.

Um elf rollt der Zug wieder Richtung Heimat und im Partywagen beziehungsweise schlafend auf den ranzigen Sitzen vergeht die Zeit wie im Flug. Kurz vorm Ziel, in Leipzig, kommt der Zug jedoch zum Stehen und auf den Gängen macht sich Unruhe breit. Gerüchte machen die Runde, angeblich ist eine Weiche wegen dem starken Schneefall eingefroren.
Nach über einer Stunde - die ersten Taxis waren vermutlich schon bestellt - geht es dann doch weiter und wir erreichen das tiefwinterliche Dresden im Morgengrauen. Am Bahnsteig Blicke aus Glas, laufe auf und ab, halb taub - die Gesichter sind blass. Die Kraft baut ab, auch die Äuglein sind schwer. Wenn jeder Tag nur wie der heutige wär! WIR SIND DRESDEN! (frei nach Ultrakaos)

Sonderzug 2015 - Wohin geht es diesmal?

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