Outlaws Dresden

30.03.2012
ETC Crimmitschau vs. Dresdner Eislöwen
0:1 (0:0;0:1;0:0)
Zuschauer: 3018 (ca. 600 Dresdner)

(Gastschreiber Philipp)

Der nächste große Schritt Richtung Klassenerhalt – vielleicht sogar schon der entscheidende – ist geschafft. Nach zwei Heimsiegen konnte nun auch auswärts dreifach gepunktet werden.

Immerhin zwei Busse machten sich auf den Weg nach Crimmitschau, dazu eine Vielzahl Privatfahrer, so dass man schlussendlich mit einer sehr stolzen Anzahl an Gästefans im Sahnpark vertreten war. Quantität also top, Qualität an diesem Abend leider ein sehr großer Flop. Stimmungskern durch die relativ späte Ankunft im Block Fehlanzeige. Der hohe Kuschelfaktor im prall gefüllten Gästesektor tat dann noch sein übriges: Teilweise noch nicht mal ausreichend Platz für eine gepflegte V-Geste und die Schallwellen der Schlachtrufe verendeten bereits am Rücken oder am Haupthaar des Vordermannes oder der Vorderfrau. Dazu kam beim Großteil des Gästeblocks eine zu diesem Spiel absolut nicht nachvollziehbare Unlust, sich überhaupt am Support beteiligen zu wollen. Stattdessen eine sehr hohe Anzahl stimm- und regungsloser Zombies im Block. Stille Beobachter des Existenzkampfes statt lautstarke Unterstützer. Schade und peinlich. Zumindest für ein lautstarkes Pippi Langstrumpf in der ersten Spielminute hat es noch gereicht, danach war der Ofen aus. Erst zum Feiern des Sieges nach Schlusspfiff erwachte man wieder aus der Lethargie. In den 59 Minuten dazwischen der kleine aktive Kern fast immer auf verlorenem Posten und der Support leider nicht der Rede wert. Indiskutabler Auftritt!

Zum Einlauf der Mannschaften gab es in der Heinekurve eine respektable Choreo der Kultras zu bestaunen. Das Abbild eines recht zielstrebig wirkenden, vermummten, basecap- und Kaputragenden sowie in Vereinsfarben gekleideten jungen Mannes (also exakt so, wie man den Prototyp eines 0815-Ultras in einem japanischen Manga darstellen würde), der einen rot-weiß-gestreiften Schal hochhält. Das ganze rechts und links flankiert von Folienschals, die im selben Design gestaltet waren wie das „Original“ des Comic(k)ultras. Dazu der Spruch „You'll never walk alone“. Abgesehen davon, dass das mit den Schals nur auf einer Seite geklappt hat wie gewünscht, nett anzusehen. Im Gästeblock gab es außer dem vereinzelten Abbrennen kleiner und großer Wunderkerzen nichts zu sehen. Während des Spiels passte sich das heimische Fanvolk dann der Atmosphäre im Gästeblock (bzw. dem Spiel der eigenen Mannschaft) an und enttäuschte ebenfalls auf ganzer Linie. Zu keinem einzigen Zeitpunkt wurde es richtig laut und oftmals machten nur um die 20 Leute mit. Beide Seiten also mit abstiegsrunden-unwürdiger Unterstützung der eigenen Mannschaft.

Das Spiel entwickelte sich – wie sollte es bei den Eislöwen in dieser Saison auch anders sein – zu einem engen, kampfbetonten Fight, der bis zur letzten Sekunde spannend blieb. Überhaupt gab es in dieser Saison gefühlt kein einziges Spiel, bei dem man schon 5 Minuten vor Spielende mal wirklich unbeschwert hätte feiern können. OK, das 6:1 gegen Rosenheim fällt mir gerade ein, aber dieser Sieg war glaube auch wirklich der einzige in dieser Größenordnung und stammt noch aus einer Zeit, als an den Bäumen noch Blätter hingen. Wie auch immer, auf jeden Fall wurde wieder einmal standardmäßig gezittert und gebibbert. Im Vergleich zum Bremerhavenspiel von letzter Woche wurde es dieses Mal aber keine reine Abwehrschlacht, sondern eher ein ständiges Hin und Her mit den besseren Chancen auf Dresdner Seite. Beide Abwehrreihen ließen wenig zu und so reichte Dresden letzten Endes ein Treffer von Harry Lange aus der 37. Spielminute, auch weil sich besonders die Offensive der Eispiraten in einem sehr schlechten Zustand präsentierte und sich viel zu wenig zwingende Torchancen erspielte.

Bereits im Februar diesen Jahres wurde bei einem Auswärtsspiel der Jungen Wilden in Crimmitschau eine Zaunfahne der Dresdner Fanszene von Einzelpersonen aus dem Umfeld der Kultras geklaut. Nun wurde diese Fahne nach Spielende – von den meisten Dresdnern völlig unbemerkt – in unmittelbarer Nähe der Heinekurve präsentiert. Das ist die Hauptursache dafür, dass es anschließend zu kleineren Handgreiflichkeiten und dem ein oder anderen Wortgefecht im Umfeld des Stadions kam. Wenngleich wir uns den Verlust dieser Fahne selbst zuzuschreiben haben, so bleibt der Fakt, dass den Fans der Dresdner Eislöwen eine Zaunfahne geklaut worden ist – und zwar nicht von irgendwelchen Vögeln aus Weißwasser, sondern von den vielzitierten „westsächsischen Freunden“ aus Crimmitschau. In dem Zusammenhang muss auch das völlig unkritische Verhältnis von einigen Dresdnern zum „lieben, netten ETC“ mal hinterfragt werden. Ausgehend von dem Trugschluss „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ war diese ganze angebliche Freundschaftsnummer von Anfang an heiße Luft ohne jeglichen Inhalt. Dass Derbys im Gegensatz zu WSW ohne Polizeischutz ablaufen können und Fans beider Mannschaften ohne Probleme in der Drittelpause bei einem Bier über das Spiel fachsimpeln können, sollte beim Eishockey Normalität sein. Und dass es freundschaftliche Kontakte zwischen Fans beider Vereine gibt, bestreitet niemand. Wer davon aber eine generelle Fanfreundschaft beider Vereine ableiten will, dem fehlt ein gehöriges Stück Realitätssinn. Die Zahl derer, die dem „Pleiteverein“ keine Träne nachweinen würden, ist in Crimmitschau nicht wesentlich kleiner als in östlichen Teilen unseres Bundeslandes. Und auch Anfang Januar hielt sich nach der Heimniederlage gegen die Eispiraten das Crimmitschauer Mitgefühl spürbar in Grenzen: „Wir feiern und ihr steigt ab“. In perfekter Lautstärke vom ganzen Gästeblock getragen, ohne mäßigende Zwischentöne. Aber wenn man jetzt – drei Monate und ein sich gewendetes Blatt später – die Crimmitschauer mal freundlich an ihren Fangesang erinnert und sie als Absteiger bezeichnet, ist das Geheule gleich wieder groß, weil sie ja unsere Freunde sind und man doch gerne in den Sahn fährt und überhaupt. Dieses völlig reflexionslose Anbiedern von so manchem Dresdner ist einfach zum Kotzen.

Die Geschehnisse vom Freitag kann man als fast zwangsläufige und vielleicht auch notwendige Folge einer langsam fortwährenden Entwicklung innerhalb der letzten 1-2 Jahre betrachten. Gleichzeitig wurden aber auch erste sinnvolle Gespräche geführt, die Hoffnung machen, dass es zukünftig mit einem Mindestmaß an gegenseitigem Respekt wieder etwas entspannter miteinander zugeht, ohne dass man gleich auf jeden bösen Fangesang und jede Gemeinheit verzichten muss.

Am Ende des ereignisreichen Tages konnte man sich schließlich über den enorm wichtigen Sieg freuen. Nun ist der Klassenerhalt ganz nah und die noch fehlenden Punkte sollten in vier ausstehenden Spielen zu holen sein. Für Crimmitschau könnte es nach der gezeigten Leistung sehr eng werden und die Spiele gegen Bremerhaven werden wohl das Schicksal des einen oder des anderen besiegeln.

Bilder

Sidelink_2
Fotos
Sidelink_5
Auswärtsfahrten
Sidelink_3
Gesangbuch (6. Auflage)
Sidelink_4
Kurvenflyer "Schulldchnsä!"
Sidelink_6
Infos für Gästefans