Outlaws Dresden

21.10.2011
Landshuter Arschlöcher - ESC Dresden 5:3 (1:1;2:2;2:0)
1.790 Zuschauer, davon 35 Dresdner

(Gastschreiber Philipp)

Vollgepackt mit tollen Sachen geht es Dreizehnuhreins am Dresdner Hauptbahnhof los. Fünf Leute, ein Fahrschein - Auf zum Lieblingsgegner! Das arbeitende Volk will nach Hause und entsprechend überfüllt ist der Interregio nach Nürnberg. Wir finden noch einen Platz auf dem Fußboden und sind von Anfang an Frau Schneiders Charme verfallen. Frau Schneider ist die Kontrolleurin und will uns das Bayern-Ticket nicht verkaufen. Wir betteln. „Bitte, bitte, liebe Frau Schneider!“. Aber Frau Schneider kennt keine Gnade. „Da missnse sisch orber aigndlisch vorhär drum gimmern!“ Nach langer Diskussion hat Frau Schneider dann doch noch ein Einsehen. Ausnahmsweise versteht sich. Gerade nochmal gut gegangen!

Im Zug nach Regensburg lernen wir dann Jens kennen. Jens hat exakt zwei Hirnwindungen mehr als ein Huhn. Eine anstrengende Zeit beginnt. Den Frust über das unattraktive Zugpersonal („Wir wollen Frau Schneider sehen!“) bewältigt jeder auf seine Art und Weise. Der eine lässt sich zulaufen wie ein 14jähriger zum Männertag und benimmt sich wie die Axt im Walde, der andere ist mit Hardcore-Fremdschämen beschäftigt. Aus Minuten werden Stunden, der defekten Neigetechnik sei Dank. Der Zug wird erstaunlicherweise nicht schon vor Landshut vom USK gestürmt, der Pöbel kann schalten und walten, wie er möchte. Endlich. Landshut. Raus. Aussteigen. Landshuter Arschlöcher.

Der stattliche Mob schiebt sich auf dem viel zu kleinen Fußweg entlang der vielbefahrenen Straße Richtung Eishalle. Dann plötzlich der Eklat. Ein greller Blitz. Ein lauter Knall. Keine 10 Meter vor uns. Helle Aufregung! Was war passiert? Schnell war die Lage eindeutig: Ein Böller! Weit vor Silvester. Mitten im zivilisierten Abendland! Eine abscheuliche Tat. Die Suche nach dem Täter beginnt! „Warst du das?“ „Nee, ich dachte, du warst das.“ „Nee, ich war das auch nicht.“ „Na wer war es denn dann?“ Tja, wer war es? Wer hat den Böller geworfen? Ach, scheißegal, war ja nur ein Böller. Dachten wir zumindest. Mann, waren wir naiv.

Ankunft Eishalle. Wir wollen gerade anfangen, in cooler Pose die anderen Dresdner zu begrüßén und die Heimfans zu beleidigen, als ein Polizist der Marke „Netter-alter-Großvater-Dorfbulle“ auf uns zukommt. „Servus, seid ihr der Zugfahrermob?“ Boar eh, wie sehr ich dieses „Servus“ hasse! Klare Frage, klare Antwort. „Ja, sind wir.“ „Dann kommen sie mal bitte zur Feststellung der Personalien mit!“ Unsereins blickt mit fragendem Gesicht den Nebenmann an. Hab ich mich gerade verhört? Nein, offensichtlich nicht, denn jeder hat auf einmal den „Hab ich mich gerade verhört“-Gesichtsausdruck drauf. Im folgenden wird die Diskussion kurzzeitig sehr unsachlich. Inhaltlich geht es knapp zusammengefasst um die Frage, was zur Hölle der Scheiß soll. Man informiert uns, dass unabhängig voneinander drei Zeugenaussagen vorlägen, wonach Dresdner Fans auf dem Weg zum Stadion Pyrotechnik verwendet hätten. Pyrotechnik? Großes Fragezeichen. Bis es dann schrill klingelt. „Alter, meint ihr das ernst? Wir reden hier von einem einzigen Böller, den wir noch nicht einmal selber … ach scheiße eh, das glaubt uns doch kein Mensch.“ Ja, sie meinen es ernst. Auch wenn sie dabei die ganze Zeit über dieses widerliche verständnisvolle „Als wir in eurem Alter waren haben wir auch Mal Schabernack gemacht“-Lächeln draufhaben, während sie unsere Taschen und unsere Personalausweise kontrollieren.

So, fast geschafft. Nur noch ein Atemalkoholtest und alle dürfen rein ins Stadion. Dumm nur, wenn der Atemalkoholtest ausgerechnet bei demjenigen gemacht wird, der den ganzen Nachmittag über schon in erstaunlicher Effizienz an einem hohen Wert arbeitet. Jetzt war der Moment der Wahrheit gekommen. Das Publikum nimmt in freudiger Erwartung des Spektakels Platz und diskutiert bereits über das Ergebnis. Wieviel Bier mögen es gewesen sein bis jetzt? 10? 11? Die Spannung ist kaum noch auszuhalten. Jetzt ist es soweit, die Show beginnt. Pusten. Pusten. Pusten. Stop, reicht. Quälendes Warten. Piep. 2,8 Promille! Das hat gesessen, der Gegner ist geschlagen. Ein Traumwert. Der Athlet lässt sich von seinen Fans feiern. Mit einem solch tollen Ergebnis hatten selbst die Optimisten nicht gerechnet.

Es folgt noch eine Anzeige wegen Beleidigung und nach 10 Minuten können wir pünktlich zum 1:0 für unsere Löwen dann endlich in die Halle rein.

Kurze Einschätzung zum Spiel: Vom Spielverlauf her unglücklich, über 60 Minuten betrachtet allerdings doch verdient verloren. Besonders im letzten Drittel wirkte die Mannschaft platt und konnte nicht mehr groß eigene Aktionen starten. Mehr möchte ich zum Spiel eigentlich nicht schreiben, da bei Spielen zwischen Landshut und Dresden andere Dinge wichtiger sind: Bundeswehreinsätze, Hooligans, sexuelle Übergriffe, Stadionverbote, Polizeiwillkür, Ausschreitungen, 40 Jahre DDR, Beleidigungen und verprügelte Landshut-Spieler zum Beispiel. Aufgrund dessen möchte ich nur eine Szene des Spiels näher beschreiben. Die Szene zum 3:1. St. Jean bekommt eine Strafe, Landshut hat 2 Minuten Überzahl, schießt etliche Male aufs Tor, Dresden befreit sich immer wieder mit mehr Glück als Verstand. Die Halle kocht, will den Ausgleich, aber der Puck geht einfach nicht rein. Dann ist die Strafe zu Ende. Strauch spielt den Puck raus aus der Gefahrenzone auf St. Jean (ausgerechnet St. Jean!!), der gerade von der Strafbank kommt. Kein Schwein bei St. Jean, der kann noch anhalten und den Landshuter Torwart fragen, wo er den Puck hinhaben will. Tor – 3:1. Kollektives Ausrasten im Gästeblock und dumme Gesichter auf der Heimseite inklusive. Schon allein wegen dieser Szene hat sich die Fahrt gelohnt.

Support auf beiden Seiten sehr oldschool, also extrem spielbezogen. Beide Fanlager mit großen Pausen, aber auch mit sehr lauten Stellen, wenn es auf dem Eis gerade mal rund ging. Den niederbayrischen Bauern, welche im ESBG-Forum fordern, man solle sich als Dresdner Fan doch mehr auf den Support der eigenen Mannschaft konzentrieren, sei im Übrigen gesagt, dass wir immer noch selbst entscheiden, was ein guter Support für unsere Mannschaft ist. In Landshut kann ein guter Dresdner Support nur bedeuten, 60 Minuten lang den Gegner zu beleidigen. Ist dies nicht der Fall, muss sich die Fanszene fragen, was an diesem Tag falsch in Landshut gelaufen ist. Kapiert? Hoffentlich! Landshuter Arschlöcher!

Nachdem dann die ACAB-Pulloverträger endlich fertig waren, jeden Beamten mit Umarmung und Brieffreundschaftsanfrage zu verabschieden, konnte es zurück zum Bahnhof gehen. Nach einer nicht minder anstrengenden Rückfahrt kam man schließlich in Nürnberg an, wo erst einmal im Hotel der Rausch ausgeschlafen wurde bzw. sich davon erholt wurde, einen halben Tag lang Aufsichtsperson für einen Erwachsenen Menschen spielen zu müssen. Entschädigt wurde man dann Tags darauf mit einer schönen Stadtbesichtigung im schönen Nürnberg.

Unterm Strich steht ein sehr ereignisreiches Auswärtsspiel sowie die einmalige Chance, von Herrn Truntschka mit einer der höchsten Auszeichnungen geadelt zu werden, die es in der Vita eines Eishockeyfans in Deutschland geben kann – mit einem Stadionverbot in Landshut. Mal sehen, für was die Personalienfeststellung der Polizei noch so gut sein kann. Ich werde die nächsten Tage auf jeden Fall mit großer Aufregung den Gang an den Briefkasten antreten. Wäre das geil, wenn wir dann auch endlich mal wie richtige Ultras „Stadionverbote halten uns nicht auf!“ schreien könnten.

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